Wenn die Schmerzen explodieren

Wenn die Schmerzen explodieren

Lengerich:
Mit falschen Verhaltensmustern wird Dr. Jan Brand wohl täglich konfrontiert. Der Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerz-Klinik Königstein (Taunus) kommt am Dienstagabend bei „Gesundheit im Dialog“ schnurstracks zur Sache: „Wenn der Schmerz beginnt, seien sie nicht zögerlich mit der Medikamenten-Einnahme.“

Ein Ratschlag, der nach seiner Erfahrung immer wieder gern verdrängt wird. Wenn leichte Schmerzen eine Migräne-Attacke ankündigen, hält er nichts davon, mit leichten Mitteln dagegenzuhalten. Der Schmerz werde immer intensiver, deshalb sollte sofort das richtige Medikament genommen werden.

Ob es ein Präparat der klassischen Medizin, der Naturheilverfahren oder Homöopathie ist, hänge von jedem einzelnen ab. „Migräne - Was kann ich tun?“ Der Mediziner hat eine Fülle von Ratschlägen, um die Migräne in den Griff zu bekommen. Vielleicht nicht von jetzt auf gleich, aber auf Dauer.

„Migräne ist nicht heilbar, aber gut beherrschbar.“ Ein Satz, der einen Moment im Veranstaltungsraum der Stadtsparkasse über den Köpfen der gut 60 Zuhörer zu hängen scheint. Dass mehr Frauen als Männer betroffen sind, überrascht nicht. Dass auch Kinder unter Migräne leiden, der Referent belegt es aus seiner täglichen Erfahrung. „Früher fing es im Alter von 15 Jahren an, heute kommen schon Eltern mit Kindern im Alter von vier, fünf Jahren in die Praxis.“

Gut zehn Prozent aller Menschen leiden - mehr oder weniger schwer - unter Migräne. Macht in Deutschland acht bis neun Millionen Bürger. Auf gleichem Niveau ist die Betroffenheitsquote bei Kindern. „Migräne wird vererbt“, beantwortet der Fachmann eine ungestellte Frage.

Die chronisch neurologische Krankheit sei nicht „im Blut oder mit einer Magnet-Resonanz-Therapie“ (MRT) nachweisbar. „Migräne hat keine andere Ursache im Körper“, betont Jan Brand.

Die Vorboten einer Attacke können ebenso vielfältig sein wie die Intensität des Schmerzes. Euphorisch oder müde, Heißhunger auf Süßes, einseitige Sehstörungen - er zählt eine ganze Litanei auf.

Der Migräne-Schmerz lässt sich meist einseitig lokalisieren: Schläfe, Auge, Stirn. Es ist der Trigeminus-Nerv beziehungsweise dessen Verästelungen, die Attacken auslösen. Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen, die Liste der Symptome scheint endlos. Jan Brand bringt den Unterschied zu normalen Kopfschmerzen auf einen einfachen Nenner: „Bei Mi-gräne verstärkt jede Bewegung den Schmerz, das Gehirn ist überreizt.“ Bei Kopfschmerzen könne beispielsweise ein Spaziergang zur Linderung beitragen.

Rund eine Stunde braucht der Referent an diesem Abend, um das Thema Migräne umfassend darzustellen. Einschließlich Tipps, um den Druck im Kopf bei dieser zentralen Nervenerkrankung in den Griff zu bekommen.

Das Ziel jeder Behandlung sei, so beschreibt es der Experte, „das richtige Schmerzmittel zu finden und dadurch die Lebensqualität zu verbessern“. Im Klartext: Häufigkeit und Intensität der Migräne-Attacken senken.

Zum Vorbeugen gehört für Jan Brand die Suche nach dem richtigen Medikament: „Beginnen Sie mit einer niedrigen Dosis, die langsam gesteigert wird. Frühestens nach sechs bis acht Wochen ist zu sagen, ob dieses Mittel etwas bewirkt hat.“ Ein parallel geführter Kopfschmerzkalender erleichtere auch dem behandelnden Arzt die Arbeit.

Sechs bis neun Monate nach dem Beginn der Einnahme des Präparates, das sich als wirksam erwiesen hat, könnte eine Pause eingelegt werden. „Einfach um zu wissen, kommt der Körper ohne aus?“, nennt der Migräne-Spezialist den Grund.

Zwei wichtige Hinweise des Experten: „Achten Sie bei jedem Medikament neben der Wirkung auch auf die Nebenwirkungen.“ Mehr als zehn Kopfschmerztabletten pro Monat sollte man nicht schlucken. „Sonst besteht die Gefahr der Gewöhnung.“ Für das Gespräch mit dem Arzt sollte ein Extra-Termin vereinbart werden. Die durchschnittlich sieben bis acht Minuten Sprechzeit, die ein Patient im Arztzimmer erhält, „reichen bei Migräne nicht aus“.

Was noch Linderung herbeiführen kann? Ein geregelter Tagesablauf mit Zeiten für Essen, Trinken und Schlafen. Leichten Sport wie Nordic Walking empfiehlt der schlanke Mediziner ebenso wie Entspannungsübungen. „Täglich und regelmäßig“, rät er zu einer 15- bis 20-minütigen Aktivität.

VON MICHAEL BAAR

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Foto: Maridav/Shutterstock.com